Liebe Katzengemeinde,
Sie wollen wissen, wie es mit den Geschichten aus dem Leben meiner Katzen weitergeht? Ich danke allen, die mich dazu angeregt haben weiterzuschreiben.
Ihre Wünsche erfülle ich gern.

Da es eine kuriose Geschichte war, wie Purzel II. als erstes Katzentier in meine eigene Familie kam, werde ich damit beginnen:

Unser damaliger Nachbar (der sich eigentlich einen Hund anschaffen wollte), brachte eines Tages einen Findelkater – Mucki – mit. Der lebte sich gut bei ihm ein, entdeckte aber bald, dass es durch unseren Garten, über eine Treppe, auf die Terrasse und in unser Haus ging. Von da an gehörte uns ein „halber Kater“. Dem Kater gefiel das Hin und Her, aber eines Tages fehlte sein morgendlicher Besuch. Mittags brachte ihn unser Sohn aus der Schule mit, der Kater hatte sich von Kindern „verführen“ und „entführen“ lassen. Alle waren froh, aber nicht lange, da war Mucki wieder weg, und die Suche, auch in der weiteren Umgebung und per Zeitung, brachte ihn nicht zurück. Ein Anruf aus dem Tierheim machte Hoffnung, aber es gibt ja so viele schwarz-weiße Katzen… Jedenfalls war es nicht Mucki, und dieser traurige Kater sollte eingeschläfert werden, da Katzen damals (1975) keine Aufnahme für längere Zeit im Tierheim fanden. Konnte ich das Tier seinem Schicksal überlassen? NEIN! Also nahm ich den Kater als Mucki-Ersatz unserem Nachbarn mit; denn wir hatten nach drei Wochen keine Hoffnung mehr, ihn noch zu finden.Der neue Mucki entschied sich allerdings, bei mir zu bleiben, und das für 10 wunderbare Jahre: So wurde aus ihm Purzel II. Nun kommt der eigentliche Witz von dieser Geschichte: Etwa zwei Wochen später ging ich mit meinem Mann ins Kino, plötzlich sagte er: „Dort sitzt der Mucki!“ Wir waren spät dran, es war schon finster, nur der Kinoeingang beleuchtete den Weg. Wir entschlossen uns, das Tier mitzunehmen und bei Licht zu prüfen, ob es wirklich der Ausreißer war.Er war es! Fünf Wochen nach seinem Verschwinden und etwa 3 km von seinem Heim entfernt erlebten wir das Wunder!

Sie werden wissen, dass nicht jede Katze jeder Katze Freund ist und Kater und Kater schon gar nicht. Als Mucki seinen gewohnten Tagesablauf wieder aufnahm und morgens bei uns hereinspazierte, empfing ihn unser neuer Hausgenosse mit einer Backpfeife und Fauchen und Knurren. Mucki hielt das wohl für einen Scherz und wollte an ihm vorbei und auch noch an dessen Tellerchen, ja, und dann sah es aus wie bei Frau Holle, nur mit schwarzen und weißen „Federn“. Jetzt begann mein Problem, die beiden Kater mussten nun wohl oder übel miteinander auskommen, aber wie? Obwohl ich kein Zirkusfreund bin, übernahm ich die Methoden der Dompteure – Futter und Spiele. Mit Putenschnitzelchen, einem Papierknäuel an einer Angel und viel Geduld (alles außerhalb der Wohnung) weckte ich meines Katers Interesse an Mucki. Dank dessen Gutmütigkeit wurden sie Freunde und teilten Tische, Sofas, Betten und meine Liebe. Ich hatte anderthalben Kater, und unsere Welt war in Ordnung… ..bis Mucki erneut und für immer verschwand.
Seinen Platz bei den Nachbarn nahmen Max und Moritz ein, und mein Bemühen um Katzenfriede, Katzenfreude und Katzeneierkuchen begann von neuem, aber das ist die nächste Geschichte.

Max und Moritz waren Geschwisterkinder und „Halbstarke“ als sie nebenan einzogen, sie waren arglos und kess. Allerdings nur bis sie unserem „Ungeheuer“ begegneten. Purzel, inzwischen ein stattlicher, leicht übergewichtiger Kater, tat zuerst, als würde er sie nicht sehen, als sie aber mutig durch den Zaun krochen, erwachte sein Interesse. Er blähte sich auf und schlug zu: Bis hierher und nicht weiter, war seine klare Ansage. Für die beiden Gestreiften war es eine Herausforderung. Ihr Verhalten glich dem von spielenden Kindern, sie belauerten und verfolgten Purzel, blieb er stehen, taten sie es ihm nach, setzte er sich, setzen sie sich auch usw., aber alles in sicherem Abstand. Drehte er sich um, rannten sie, jeder in eine andere Richtung davon, und bevor Purzel eine Richtungsentscheidung getroffen hatte, waren sie verschwunden. So ging das Spiel jeden Tag, zur Freude von uns Katzenbesitzern: Wir sahen ihnen vom Fenster aus zu und nannten es „Katzenkino“.
Der Nachbar hatte eine Idee, die friedliche Annäherung der Kater zu fördern – Baldrian! Ich konnte es kaum glauben, eines Tages lagen die drei friedlich nebeneinander auf Nachbars Küchentisch, wirkten allerdings wie betrunken. Purzel hatte den Deckel der Baldrianbüchse im Mäulchen und die Brüder reckten sich gurrend neben ihm. Kaum war ich wieder zu Hause, rief der Nachbar an: „Purzel ist mit einem 50-Mark-Schein rausgerannt!“ Ich konnte ihn aufhalten und den Geldschein retten. Nein, ich hatte ihn nicht abgerichtet, es war die Wirkung vom „Katzenalkohol“. Seitem gab es eine Art Beziehung zwischen den Tieren, keine Freundschaft, ich nannte es F(r)eindschaft – etwas zwischen Freund und Feind.
Max und Moritz kamen durch unsere Katzentür, aber nur wenn Purzel auf der Pirsch war.
Leider wurde Moritz das Opfer eines Autos. Nun war Max alleine, und deshalb wurden Felix und Charlotte angeschafft. Der arme Purzel war überfordert und ließ sich nie mehr auf kätzische Beziehungen ein. Er brachte uns andere Tiere ins Haus, die wir eigentlich als Beutetiere bezeichnen, wie zum Beispiel

Purzel brachte jede Maus lebend, war mal eine tot, war sie vermutlich vor Schreck gestorben. Unsere Familie war zu guten Mäusefängern geworden. Ein Problem bestand darin, wenn wir nicht anwesend waren, seine “Geschenke“ zu empfangen. Dann habe ich über Wochen Mäuse gefüttert, die hinter die Einbauküche geflohen waren, bevor wir sie fangen und in die Freiheit entlassen konnten.
Eines Abends brachte er eine sehr helle „Maus“, eher blond und mit Stummelschwanz; bei Licht besehen war es ein Goldhamster. Ich richtete einen alten großen Vogelkäfig hamstergerecht ein und stellte nach ein paarTagen fest, dass er ein Mädchen und schwanger war. Nach ein paar Tagen lagen fünf nackte, kleine Hamsterbabys im Nest. Schnell wurden sie kleine Hamsterchen, und wir beglückten die Kinder unserer Freunde mit dem Nachwuchs.
Wenn Lilli jeden Abend an den Gitterstäben ihres Käfigs rüttelte, packte meinen Mann das Mitleid und wir bestätigten uns gegenseitig, dass uns eingesperrte Tiere grundsätzlich sehr, sehr leid tun. Wir entschlossen uns, Lilli die Freiheit zu schenken, allerdings nur im Zimmer unseres Sohnes; die Größe des Zimmers schien uns für einen Hamster ausreichend.
Über die elektrischen Leitungen wurden Brauseschläuche gezogen, damit Lilli keinen Stromausfall oder gar ihren elektrischen Tod verursachen konnte. In die Türöffnung kam ein Brett, das sie nicht überwinden konnte. Nun wohnte sie in ihrem Käfig mit geöffneter Tür im obersten Regalfach neben einem Schrank. Ihren Weg nach unten und oben vollführte sie in einer Art Kaminkletterei zwischen Schrank und Wand, dabei rupfte sie hinter dem Schrank die Tapete ab. Vom Fußboden sammelte sie jedes Schnipsel und jedes Fädchen in ihre Hamstertaschen, alles verwendete sie zum Nestbau. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal eine Hamsterin als Haushalthilfe haben würde, Staubsaugen war nicht mehr nötig.
Ein einziges Mal hat Lilli nicht in ihrem Hamsterheim geschlafen, sie war mit dem gesamten Nestmaterial verschwunden; und das am 1. Weihnachtsfeiertag! Als unser Sohn nach längerer Hamstersuche sich mit einigen weihnachtlichen Süßigkeiten trösten wollte, entdeckte er Lilli, sie war in sein Pfefferkuchenhaus eingezogen, mit ihrem gesamten Nest und hatte die süßen “Gartenhocker” schon aufgefressen. Leider musste sie wieder ausziehen; denn: Wie viel Pfefferkuchen verträgt ein Hamster?
Lilli wurde fast drei Jahre alt, es waren interessante und lehrreiche Jahre, die uns Purzel mit ihr beschert hat.

Nicht so lang, aber aufregender war das Leben mit

Das handtellerkleine Wildkaninchen war ein „Geschenk“ vom Kater, auf das ich im nachhinein gern verzichtet hätte. Nicht wegen dem Aufwand, es groß zu päppeln, aber wegen der Trennung. Bei uns ging es ihr gut, aus Menschensicht jedenfalls. Sie bewegte sich wie ein Haustier in unserer Wohnung, sie sprang zu uns auf das Sofa, schlief bei unserem Sohn im Bett, ging auf‘s Katzenklo und schlug nach Hasenart auf dem Parkett die tollsten Haken.
Eigenartig war, dass der Kater sich nicht mehr für Fanny interessierte, übrigens für kein Tier, das er uns gebracht hatte. Sein Motto: „Geschenkt ist geschenkt“.
Alles ging gut, bis Fanny entdeckte, dass ihre Zähnchen nicht nur Möhrchen, sondern auch Büchereinbände und Möbel nagen können. Dargereichte Äste knabberte sie ganz gern, aber antike Hartholzmöbel hatten einen besonderen Reiz. Es geht natürlich nicht auf Dauer, ein Wildtier als Wohnungstier zu halten, aber wie das Problem lösen? Fanny wurde größer, und wir wollten doch das Beste für sie. Also beschlossen wir, sie im Wald auszuwildern, in der Hoffnung, dass sie sich Artgenossen anschließen würde. Dann saß ich auf einer wunderschönen Lichtung; Preiselbeeren, Heidelbeeren und weiches Moos wuchsen da, Fanny saß auf meinem Schoß, putzte sich und ich heulte, weil sie scheinbar kein Interesse an der Umwelt hatte, und ich sie doch verlassen musste. Nach langer Zeit – vielleicht kam es mir nur so vor – hoppelte sie los, probierte die Preiselbeeren, sah mich noch einmal ganz lange an und verschwand im Unterholz.
Ich natürlich auch und zwar ganz schnell in die andere Richtung. Bis heute, nach 40 Jahren, kann ich ihren letzten Blick nicht vergessen. Die Frage, wie es ihr wohl ergangen sein mag, werde ich mir ewig stellen.

Aber zurück zu Purzel, dem Verursacher vieler für uns aufregender Erlebnisse, die aber nie unsere Liebe zu ihm in Frage stellten; wir waren ihm untertan und immer bestrebt, ihm alles recht zu machen, so auch die Beschaffung seiner Lieblingsspeise.

Das Wichtigste, das Futter, war zu DDR-Zeiten ein echtes Beschaffungsproblem. Es gab kein Katzenfutter, die Fleischereigeschäfte hatten montags geschlossen, Innereien gab es nur donnerstags und nur wenn man pünktlich 15 Uhr vorm Laden stand, Rindfleisch manchmal wochenlang gar nicht und Fisch war billig, aber selten zu kaufen. Der Kater hatte sich sehr schnell entschieden: gekochter Fisch!
Donnerstags nahm er gnädig mal Nierchen. Ich fand eine katzenfreundliche Fischverkäuferin, die mir zu einem reichlichen Aufpreis und den ausgewachsenen Sachen unseres Sohnes einige Kilo Kochfisch am Hintereingang des Geschäftes „zuschob“. Oft war Dresden von der Fischversorgung ausgeschlossen, da hatten Berliner und deren Katzen mehr Glück. Also fuhren wir gelegentlich nach Berlin, und dort von Fischgeschäft zu Fischgeschäft, denn es wurden nur kleine Mengen verkauft. Wenn ein Gemüsegeschäft am Weg lag, brachten wir für’s Kind Bananen mit. Diese Touren waren sehr aufwendig und der Erfolg oft zufällig. Da hatte mein Mann eine gute Idee: Er rief direkt beim Versorgungskontor in Berlin an, beschwatzte eine Angestellte – wie auch immer -, und wir konnten ab und zu eine Kiste (60 kg Kabeljau) gegen ein reichliches Schmiergeld abholen.
Während der kalten Jahreszeiten waren unsere Fischzüge kein Problem, eigentlich ging es auch im Sommer mit viel Eis auf dem Fisch, aber das Auto durfte nicht den Geist aufgeben… Also kurz : Hochsommer – tagelang 34° im Schatten – weicher Asphalt – 60 kg Fisch im Lada-Kofferraum – Auto will nicht mehr – Werkstatt kann nicht oder will nicht wegen dem Gestank.
Guter Rat vom Monteur: Versuchen Sie es im 2. Gang mit 30 km/h. Alle Autofahrer, die uns auf der Autobahn überholten, zeigten auf unseren Kofferraum, aus dem es von Berlin bis Dresden tropfte.
Sie meinen, das alles reicht noch nicht, um der kostspieligste Kater der DDR zu sein? Sie haben Recht, deshalb erzähle ich noch kurz unsere eigentlich sehr lange Ausreisegeschichte mit Haustier. Die Ausreise mit Haustier war möglich; die Voraussetzung war, die Verantwortung für ein Tier mit allen Konsequenzen zu übernehmen. Das hieß, wir brauchten im Westen eine Wohnung, da Tiere im Übergangslager nicht aufgenommen wurden. Nach 3 ½ Jahren Wartezeit, in der Hoffnung, es bald geschafft zu haben, ließen wir durch Bekannte eine Wohnung mieten und machten Schulden, ohne zu wissen, ob wir unser Ziel je erreichen. Der Kater musste im Rathaus beim „Amtstierarzt“ vorgestellt werden, und wir erfuhren die Bedingungen für eine Tierübersiedlung. Dazu gehörten Impfungen, die in der DDR eigentlich nicht durchgeführt wurden, es war also auch kein Serum vorrätig, und die Impfung durfte nicht länger als drei Wochen vor der Ausreise erfolgt sein. Aber wie sollte man bei dem absoluten Ausgeliefertsein wissen, wann der Ausreisetag ist? Auch diese Hürde haben wir mit Hilfe eines mutigen Tierarztes genommen. Nachdem wir noch weitere 1 ½ Jahre gewartet haben, kein Einkommen mehr hatten, im Westen schon Miete bezahlten, konnten wir mit einem Berg Schulden, sechs Koffern und unserem KOSTSPIELIGEN KATER in den Westen ausreisen.


Ich hatte mir eingebildet, Purzel wäre nun vom viel gepriesenen Dosenfutter begeistert. Weit gefehlt, er hatte sich nun mal vor neun Jahren für Kochfisch entschieden. Den gab es zwar jetzt, allerdings zu anderen Preisen…So blieb der Kater kostspielig.

Ein Jahr später ging Purzel in den Katzenhimmel.
Plötzlich fehlte das Familienmitglied, das unseren Neuanfang durch seine Unbeschwertheit und unveränderte Zuneigung erleichtert hatte.

Aber bald kam Lucie durch die noch offene Katzentür.

Sie war Feld-Wald-und Wiesen-Landadel, sie war eine tolle Katze. Sie war eigensinnig, hübsch, klug, arrogant, frech, manchmal zärtlich, selbstständig und brauchte keinen Kochfisch, um glücklich zu sein.
Sie entschied sich für uns und unsere Sessel und überhaupt ALLES und das so selbst- verständlich, dass wir nicht widersprachen und mit ihr auch ein katzengerechtes Leben führten. Sie war einfach nur Katze und durfte es sein, sie war unser kleiner Hausgeist oder wie Baudelaire es lyrisch sagte: “Sie ist der Hausgeist hier, sie richtet, herrscht, begeistert alle Dinge in ihrem Reich. Vielleicht ist sie eine Fee…“

In unserer Nachbarschaft lebten auch zwei Katzen, Nelly und Pauli, die bis zu Lucies Einzug unseren Garten nutzten; das war dann nicht mehr so, Lucie vertrieb sie. Was sie allerdings nicht davon abhielt, deren Garten zu okkupieren und sich auch noch bei deren Besitzern einzuschleimen. Sie legte ihnen Mäuse in die Petersilie und ließ sich dafür loben, wobei ich zweifle, dass es alles ihre Mäuseopfer waren, denn wir wurden auch reichlich von ihr versorgt.

Wir lebten gern mit unserem kleinen „Hausgeist“; Lucie ging mit uns spazieren, wollte überall dabei sein, „beschützte“ uns vor Hunden, Hühnern und durchziehenden Katern, wie gesagt, sie war eine tolle Katze. Eines Nachts weckten mich merkwürdige Geräusche, ich sah Lucie und ein schwarzes Katzentier aus der Küche rennen. Am Morgen bemerkte ich, was die merkwürdigen Geräusche verursacht hatte. Ich hatte Blät- terteig-Quarktaschen gebacken, zum Abkühlen auf einem Kuchenbrett liegen lassen und vergessen, die Tür zu schließen. Können Sie sich vorstellen, wie eine Küche aussieht, wenn zwei Katzen versuchen, aus 12 Blätterteigteilen den Quark rauszufressen? Die machen das auch nicht nur an einer Stelle! Vermenschlicht gedacht war der Vorgang so: Lucie zeigt dem Kater, was es bei uns Leckeres gibt und führt ihm vor, wie man an die Füllung kommt; es dauerte 12 Teile, bis er es begriffen hatte…
Dass Lucie Anstifterin ist und er der Tollpatsch, haben die beiden noch oft bewiesen. Aber so hat uns unsere tolle Katze mit ihrer zauberhaften Art überzeugt, ihren Freund aufzunehmen – Willi!

Die Namensgebung begann mit „Mohrle“ (eventuell rassistisch), „Romeo“ (weil Lucies Verehrer), „Othello“ (schwarz wie dieser, aber auch eine tragische Gestalt).
Dann kam „William Shakespeare“ ins Gespräch, aber kann man so seine Katze rufen?
Schon mit „Willi“ kann es problematisch werden: Als Willi (wieder einmal) verschwunden war und ich ihn nachts suchte, entlang einem Feld, entlang an Gartenzäunen und dabei leise „Willi-Willi“ rief, antwortete eine Frauenstimme: „Was wollen Sie denn von meinem Mann!?“
Willi war der liebste und zärtlichste Kater, den man sich denken kann: Er war ängstlich, und das Leben mit ihm war anstrengend, es gab kaum einen Tag, an dem ich mir keine Sorgen um ihn machte. Fast alles, was er unternahm, ging im menschlichen und im kätzischen Sinn schief. Wenigstens führte es in der Nachbarschaft nicht mehr zu diplomatischen Verwicklungen, wenn ich seinen Namen rief – und das tat ich oft. Wenn ich heute an Willi denke, kommt mir immer folgendes aufregende Erlebnis in den Sinn:
Willi war den zweiten Tag verschwunden, die Nachbarschaft hatte ich alarmiert. Ich hatte auswärtige Termine und nach einer schlaflosen Nacht traf ich meine Nachbarin, sie sah mich mitleidig an und sagte: „Ich höre eine Katze miauen.“ Ich dankte ihr für die Anteilnahme und hörte auch den Katzenruf. Er war schwer zu orten, man vermutet ja auch keine Katze in der Kanalisation. Ich suchte einen starken Mann mit Werkzeug, der den Gullydeckel öffnet, und als das vollbracht war, sah mich mein Willi mit angstgeweiteten Augen an. Als der Helfer den Willi aus dem Gully retten wollte, kroch der Angsthase wieder in die Kanalisation. Also musste ich ihn selbst packen und das, obwohl ich schon ausgehfein hergerichtet war. Mit hellblauem Outfit und passenden Ohrgehängen lag ich auf der Straße, kopfüber im Gully, die Nachbarin hielt mich an den Beinen fest.
Na, jedenfalls drückte ich endlich meinen verdreckten Willi an meinen ebenso dreckigen Busen. So etwas möchte man nicht ein zweites Mal erleben. Und doch dachte ich, als Willi am Silvestertag wieder den zweiten Tag überfällig war: Er wird doch nicht wieder…? Es war gegen 16 Uhr, die Straße leer, und ich hockte mich vor den Willi-Gully und rief: „Williii-Williii“ – nichts. Als ich mich erhob, sah ich in einem ortsfremden Auto gegenüber einen Mann mit weit geöffneten Augen – was der wohl dachte? Sicher, dass ich meinen Mann suche. Als ich heimkam, saß Willi auf der Treppe und ignorierte meine Frage, wo er denn gewesen ist. Lucie atmete tief durch, als sie ihn sah, dieser Seufzer hieß so viel wie: „Ach, Du meine Güte!“ Sie tat das immer, wenn Willi etwas nicht gelang, wozu sie ihn allerdings meistens angestiftet hatte. Sie balancierte z. B. auf einem dünnen Ast, Willi hinterher und nach drei Schritten – plumps.
Sie spazierte auf dem Badewannenrand, die Wanne voll Wasser, Willi rutscht hinein – Seufzer von Lucie. Ich musste oft in diesen Seufzer einstimmen, aberich tat es mit mehr Anteilnahme als Lucie. Nach vier aufregenden aber auch schönen Jahren folgte Willi unserem Purzel auf sein Mäusewölkchen in den Katzenhimmel.Lucie vermisste ihn nicht, im Gegensatz zu mir. Sie herrschte wieder allein in ihrem Reich und über uns. Leider nicht mehr lange, dann musste auch sie uns verlassen, und wir hatten drei Katzengräber im Garten, Erinnerungsorte an eine schöne Zeit und die schmerzlichen Trennungen.

Wir lebten einige Zeit katzenlos, aber durch meine Tierschutzarbeit hatte ich immer Katzenkontakt, denn viele Tiere brauchten Hilfe, so auch

Wenn spätabends das Telefon oder die Türglocke läutet, dann handelt es sich aus meiner Erfahrung meistens um ein Tierproblem.
An einem kalten Herbstabend war das Problem eine Katze, verletzt unter einem Auto hockend. Bei Licht besehen war es eine sehr alte und taube Katze, die eine tiefe Wunde im Genick hatte.
Wie kam das Tier auf die Straße – meine Recherche in der Umgebung des Fundortes ergab nichts; meine Vermutung: Die oder der Besitzer der Katze sind verstorben, und die Erben waren an dem Katzenerbe nicht interessiert.
Nun besaß ich Clara, genannt Clärchen, die ihren Lebensabend, der nur noch in Wochen gezählt werden konnte, bei uns verbrachte. Ihr Tagesablauf war überschaubar und ihr Aktionsradius ging vom Sessel auf meinen Schoß, zur Futterschüssel, zum Katzentoitoi – und wieder von vorn.
Trotzdem war es traurig, sie bei ihrem Gang in den Katzenhimmel zu begleiten…

Im Vergleich zu den Kühen, die ihr Leben im Stall, immer auf derselben Stelle, auf Steinboden ohne Stroh verbringen mussten, ging es Jenny und Elsa, zwei scheuen, herrenlosen Katzen, relativ gut. Im Winter hatten sie im Stall ein warmes Plätzchen, zwei Mal täglich, wenn gemolken wurde, gab es eine Schüssel Milch. Irgendwann wurde die Wohngemeinschaft aufgelöst, der Bauer ging in Rente, die Kühe zum Schlachthof, der Stall wurde ausgebaut und Jenny und Elsa waren obdachlos. Wie ihnen geht es unzähligen Katzen in „ländlicher Idylle“. Seit ich mich über Jahre mit dem Schicksal dieser Katzen befasst habe, weiß ich, dass das Landleben nicht nur Landlust ist, wie es in Zeitschriften gepriesen wird.
Allein in dem kleinen, überschaubaren und idyllischen Ort nahe Göttingen, in dem ich wohnte, habe ich 35 Katzen und Kater, für die niemand verantwortlich war, mit Fallen eingefangen und kastrieren lassen, und dabei habe ich auch Jenny und Elsa kennen gelernt. Als der Herbst kam und der Winter in Sicht war, fasste ich einen verwegenen Entschluss, ich richtete unser Gästezimmer für sie her und fing die beiden noch einmal mit einer Falle. Als die monatelange Zähmung der „Wilden“ begann, glaubte ich die Konsequenzen der Aktion bedacht zu haben, aber wie schwierig sich das Zusammenleben gestalten würde, habe ich erst in den folgenden 10 Jahren erfahren müssen.

Jenny wurde in sehr ruhiger Wohngegend das Opfer eines Autos, und als ob das nicht schon tragisch genug war, musste ich auch noch mit Elsas Trauer fertig werden. Nie hätte ich gedacht, dass ein Tier so trauern kann! Sie lief schreiend durch das Haus und den Garten, sie suchte auf der Straße und entfernte sich weit vom Haus. Ich hatte Angst, sie auch noch zu verlieren, sie kannte die Umgebung noch nicht, und so musste ich sie wieder einsperren. Dieser Zustand hielt fast zwei Wochen an, in denen ich versuchte, ihr Leid etwas zu lindern.
Elsa wurde von der Dorfkatze zur Stadtkatze, sie zog mit uns nach Dresden, allerdings ins ruhige Randgebiet. Sie blieb ihr Leben lang scheu, ließ sich nur von mir streicheln, schlief mit mir im Bett, aber festhalten ließ sie sich nie. Sie lebte fast nur am Fenster, neben meinem Arbeitsplatz, in den Garten ging sie nur, wenn es warm war und die Sonne schien.
Da sie über alles, was sie tat, während sie bei uns lebte, selbst entscheiden konnte, denke ich, dass sie bei uns ein glückliches Katzenleben hatte. In dieser Zeit kam auch Nase-Kater ins Spiel…

Diesen Wahlspruch kann nur einer haben, der oft Hunger gelitten hat. Und das hatte er augenscheinlich als er sehr mager, sehr groß, sehr scheu und mit blutigem Fuß durch unseren Garten lief. Der Hunger trieb ihn schnell in meine Falle, was schnelle Hilfe für seinen Fuß bedeutete, aber auch Kastration. Danach ließ ich ihn wieder frei. Der Kater kam trotzdem jeden Tag an die Futterschüssel, nach Wochen blieb er dann länger, auch für eine kleine Siesta.
Es war die Zeit, als Jenny und Elsa im Gästezimmer lebten, er setzte sich außen auf die Fensterbank und unterhielt sich mit den beiden, die drinnen saßen.
Meine Katzengedankendeutung war: Er fragt sie, wie sie reingekommen sind und sie fragen ihn, wie er rausgekommen ist. Als Jenny nicht mehr da war, kam er rein, und wir besaßen „Immersatt“ und „Nimmersatt“, was Letzteren, den Kater, ganz schön auseinandertrieb. Er fühlte sich, wenn er jemanden kauen sah, daran erinnert, dass er eigentlich auch etwas zu sich nehmen müsste.
Er war ein ganz lieber und gemütlicher Kater, leider hat Elsa das nie kapiert. Jeder seiner Versuche, sich ihr zu nähern oder mit ihr zu spielen, endete mit ihrem Kreischen und Flucht. Allerdings, wenn sie allein waren, suchte Elsa die Nähe zum „Feind“. Wenn wir heimkamen, hielt sie sich mit Nase-Kater im gleichen Raum auf, sogar neben ihm auf dem Sofa oder im Bett. Zwei Angsthasen, die erkannt hatten, dass Einigkeit stark macht. Er zog mit uns und Elsa nach Dresden und hatte wieder seinen Lieblingsplatz in meinem Arbeitszimmer auf einem Servierwagen, der eigentlich für die Farben gedacht war. Links von mir Elsa am Fenster und rechts neben meinem Arbeitsplatz Nase-Kater –
kann man sich als Katzenmalerin inspirierendere Musen wünschen?!